Holzschnitt einer familiären Erinnerung
- Frank & Sylvie

- 17. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Manche Bilder drängen sich von selbst auf. Nicht weil sie spektakulär sind, sondern weil sie eine Geschichte in sich tragen, die weit über den Moment ihrer Entstehung hinausgeht. Die hier gezeigte Holzgravur gehört zu diesen Bildern.
Ausgangspunkt war eine Fotografie, die ich in der Garage meines Cousins Olivier aufgenommen habe. Sie zeigt einen Citroën aus der Vorkriegszeit, ein Modell, das dem Wagen meines Großvaters sehr nahekommt. Olivier hat ein solches Fahrzeug mit großer Sorgfalt restauriert, und als ich es dort sah, im künstlichen Licht der Garage, wusste ich sofort, dass dieses Bild eines Tages mehr sein würde als nur eine Fotografie.

Über die familiäre Geschichte hinaus gehört dieses Fahrzeug zu einer Epoche – dem Beginn des 20. Jahrhunderts –, die ganz selbstverständlich mit dem Jugendstil-Universum in Dialog tritt, das wir im Ferienhaus entwickelt haben. Ich wollte mich davon frei inspirieren lassen und dabei eher an die Plakate dieser Zeit denken als an ihre ornamentalen Details: klare Formen, eine dynamische Komposition, ein Bild, das dafür gemacht ist, aus der Distanz gelesen zu werden.
Die Intention war von Anfang an klar: das Auto bei Nacht darzustellen, unterwegs in einer von Straßenlaternen beleuchteten Straße, mit diesem Gefühl von Bewegung, Einsamkeit und Konzentration, das man beim Fahren im Dunkeln erleben kann.

Der Rahmen des Workshops: Lernen in einer zeitlosen Pause
Die Gravur entstand im Rahmen eines Workshops, der sich über vier Abende an der Volkshochschule in Hanau (Deutschland) erstreckte und von Joachim Mennicken geleitet wurde. Was mich von Beginn an beeindruckt hat, war die sehr einfache und zugleich zutiefst menschliche Atmosphäre, die sich bereits in der ersten Sitzung einstellte.
Die Gruppe setzte sich aus ganz unterschiedlichen Profilen zusammen: junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Ruheständler, ein Paar, dessen Frau im dritten Monat schwanger war und neben mir an einer von japanischen Motiven inspirierten Wal-Darstellung arbeitete, der aus einer bewegten See auftaucht, während ihr Partner ein Patchwork aus Formen und Texturen komponierte. Mir gegenüber arbeitete eine ältere Dame geduldig an einem Selbstporträt. Ein weiteres Rentnerpaar, bei dem der Mann Amerikaner ist, gravierte einen Hund in einem beinahe comicartigen Stil.
Joachim leitete den Workshop mit großer Ruhe. Mit seinen leicht ergrauten, etwas zerzausten Haaren und stets optimistischer Ausstrahlung ging er von Person zu Person, um Handgriffe zu korrigieren, Lösungen vorzuschlagen oder zu ermutigen. Auf dem Tisch standen ein paar Kuchen, im Hintergrund lief leise Jazzmusik. Sehr schnell verblasste der Arbeitsalltag vollständig. Jede und jeder konzentrierte sich auf das eigene Motiv, auf das Holz unter den Fingern, auf langsame, aufmerksame Bewegungen – stets begleitet von der gemeinsamen Wachsamkeit, sich mit den Stechbeiteln nicht zu verletzen.
Vom Entwurf zur Druckplatte: Das Bild rückwärts denken
Die verwendete Technik ist der Holzschnitt in der Hochdrucktechnik, genauer gesagt der Reduktionsholzschnitt, auch als „verlorene Platte“ bekannt. Eine einzige Druckplatte dient zur Herstellung aller Farbschichten, wird jedoch mit jedem Schritt weiter bearbeitet. Das einmal Entfernte ist unwiderruflich verloren – das endgültige Bild muss daher von Beginn an mitgedacht werden.
Für den Holzschnitt eignen sich besonders weiche und gleichmäßig strukturierte Hölzer wie Linde (sehr regelmäßig und präzise), Birnbaum oder Ahorn, die feinere Details erlauben, jedoch mehr Kraft und Kontrolle erfordern. Pappelholz hingegen ist zwar leicht erhältlich, weist aber häufig eine unruhige Maserung auf und neigt bei Querschnitten zum Ausreißen, was die Schärfe der Linien und die Präzision der Arbeit einschränkt. Ich hätte auch Linoleum verwenden können, das einfacher und berechenbarer zu schneiden ist, doch Holz bietet etwas anderes: Seine Maserungen, Adern und kleinen Unregelmäßigkeiten werden beim Druck sichtbar und wirken wie eine lebendige Materie – ein Effekt, der mit einem vollkommen gleichmäßigen Material nicht zu erreichen ist.
Nach der vorbereitenden Zeichnung wurden einzelne Bildpartien mithilfe von Kohlepapier auf die Holzplatte übertragen, beginnend mit jenen Bereichen, die im Druck am hellsten bleiben sollten.


Die Bereiche, die im Druck weiß bleiben sollen, wurden zuerst ausgearbeitet. Das Holz wird dabei langsam abgetragen, ohne nach mechanischer Perfektion zu streben – die Spur der Hand ist von Anfang an Teil des Ergebnisses.
Beim Holzschnitt gilt: lieber wenige, aber geeignete Werkzeuge. Ein oder zwei V-förmige Hohleisen zum Schneiden der Linien, einige U-förmige Hohleisen zum Ausheben größerer Flächen, alle sorgfältig geschärft, um die Kontrolle über den Schnitt zu behalten und ungewollte Ausrutscher zu vermeiden.
Um sicher zu arbeiten und den Schnitt zu kontrollieren, halte ich das Werkzeug in der Handfläche, geführt vom Zeigefinger, während der Daumen der linken Hand die Bewegung der rechten Hand bremst und lenkt. So lässt sich das Risiko eines unkontrollierten Abrutschens deutlich reduzieren.

Drucken, Waschen, Weitergravieren: Der schichtweise Aufbau
Der erste Druck entspricht in meinem Fall den Grautönen, die die Szene und ihre Volumen strukturieren.

Nach dem Druck wird die Platte mit Wasser gereinigt, getrocknet und anschließend werden neue Bereiche übertragen und weiter graviert – jene, die im nächsten Druck grau bleiben sollen. Danach folgt die Farbe Lachs, die für die Karosserie des Fahrzeugs verwendet wird.

Der Druck erfolgte mit wasserbasierten typografischen Farben, die sich leicht reinigen lassen und angenehm in der Werkstatt zu verarbeiten sind, dabei aber bei sorgfältigem Auftrag eine gute Farbintensität bieten.


Mit jedem Schritt wird die Platte ärmer, während das Bild an Tiefe gewinnt. Die Arbeit wird zunehmend irreversibel und erfordert daher große Konzentration.

Nach der Gravur der rötlichen Bereiche der Karosserie tritt mit dem Druck in Blau der erste Kontrast deutlich hervor.

Nach der Reinigung müssen alle blauen Bereiche entfernt werden, sodass nur noch jene Flächen verbleiben, die anschließend in Schwarz gedruckt werden.

Der Zufall als lebendige Materie
Der letzte Druck, der schwarze, ist immer ein besonderer Moment. Hier offenbart sich das Bild fast vollständig.

Einige Details verdienen besondere Aufmerksamkeit. Der Kühlergrill des Fahrzeugs ist beispielsweise durch eine Abfolge paralleler Linien gestaltet, die mit dem Cutter geschnitten wurden – eine bewusst grafische Struktur, die an die Bildsprache historischer Plakate erinnert.
Die in den grauen Flächen sichtbaren zufälligen Texturen – kleine Unregelmäßigkeiten, Spuren, Variationen – entstehen durch Farbreste, die in bestimmten gravierten Bereichen zurückgeblieben sind. Sie werden weder korrigiert noch kaschiert. Im Gegenteil, sie sind ein integraler Bestandteil des Ergebnisses.
Gerade dadurch ist jeder Druck, trotz derselben Platte und desselben Arbeitsprozesses, leicht unterschiedlich. Eine Gravur lässt sich nie vollkommen identisch reproduzieren, und genau dieser Anteil an Unvorhersehbarkeit verleiht ihr ihre besondere Tiefe und Lebendigkeit.

Ein Gegenpol: Wurzeln und Variationen
Meine Frau hat denselben Workshop besucht, jedoch mit einem ganz anderen Ansatz. Ihre Gravur zeigt imaginäre Wurzeln, die von einer einzigen Druckplatte stammen, aber durch unterschiedliche Druckstärken und Farben immer wieder neu variiert werden.

Auch hier ist jeder Druck ein Unikat, eine Variation rund um dasselbe Motiv. Dieser Dialog zwischen zwei Herangehensweisen – auf der einen Seite figurativ und erzählerisch, auf der anderen organischer und experimenteller – spiegelt gut wider, wie wir das Ferienhaus bewohnen und denken.

Noch auf ihren Platz wartend
Die Gravuren sind noch nicht aufgehängt. Sie warten auf ihre Rahmung, ihre Wand, ihren Dialog mit dem Raum. Bald werden sie ihren Platz in ein oder zwei Zimmern finden und diese Geschichte aus langsamen Gesten, Erinnerung und Material weiterführen.

Für den Moment sind sie noch unterwegs. Wie dieses Auto, das sich durch die Nacht bewegt, erhellt von wenigen Straßenlaternen.



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